Kochreise 2004

 

Pasta macht glücklich

und weil es sie jeden Tag gab – natürlich selbst gemacht – habe ich sieben glückliche Tage in der Toskana verbracht.

Es begann mit dem kleinen Hinweis einer guten Freundin auf den Verein Amicizia in Wiesbaden und sein vielfältiges Angebot. Eines davon – Kultur und Kochen in der Toskana – eine wunderbar sinnliche Kombination. Mit Kultur kenne ich mich recht gut aus, schließlich arbeite ich für ARTE, den europäischen Kulturkanal. Aber mit dem Kochen hapert es bei mir, dafür esse ich umso lieber. Das ist wohl die beste Voraussetzung, es doch noch zu lernen. Also habe ich mich angemeldet.
Wenn Deutsche reisen, bleiben sie gern unter sich, auf der Fahrt im Bus, in der Hotelanlage und überhaupt. Man sagt zwar gern, dass man Land und Leute kennen lernen will. Es bleibt aber zumeist beim Land, denn da gibt es Sprachschwierigkeiten und die Scheu, auf fremde Menschen zuzugehen. In einer Küche sieht das schon anders aus. Da arbeitet man zusammen, schwitzt zusammen, genießt zusammen, wenn etwas gelingt, leidet zusammen, wenn etwas daneben geht, und es entsteht endlich die Nähe, die bei den meisten Reisen ins Ausland sonst fehlt. Soziale Kontakte, wo könnten sie also besser entstehen als in einer Küche. Das ist ja fast ein intimer Raum, wo man sich nicht so gern über die Schulter und in die Töpfe schauen lässt. Also müssen sich beide Seiten öffnen, damit gemeinsam etwas entsteht. Und wenn man dann noch eine so temperamentvolle und nimmermüde Mittlerin wie Anita White an der Seite hat, kann nichts mehr schief gehen. Mit ihr haben wir gleich am Ankunftstag im Steinofen unsere eigene Pizza gebacken und die vielen toskanischen Köstlichkeiten genossen, die sie vorbereitet hatte.
Vom nächsten Tag an war jeweils von morgens 9.00 h bis nachmittags 16.00 h Kultur angesagt. Wir haben die Städte Panzano, Greve, San Gimignano, Lucca, Montaione, Siena und Florenz besucht, und jeder hatte die Möglichkeit, den Tag individuell zu gestalten. Kirche oder Kaufen, Palazzo oder Pub – ganz nach Belieben. Pünktlich um 16.00 h war dann Küchendienst angesagt. Teigkneten (besser als Hanteltraining), Gemüse putzen, Zerkleinern, Passieren, Blanchieren, Häuten, Entbeinen, Eier und Sahne schlagen und so weiter und so fort. Oder einfach nur Zuschauen. Vier Stunden malträtierten wir die Arbeitsplatte und standen dann am Herd, Seite an Seite mit den Küchenmeistern und – meisterinnen, unterstützt von Anita, die für uns übersetzte, wenn auch das Reden mit Händen und Füßen nichts mehr half. Und dazwischen Andrea Kroll mit Schürze, Klemmbrett und Kugelschreiber – ihr entging nichts. Jede Zutat, jedes Gewürz, alles wurde notiert, damit zu Hause ein Rezeptheft für alle entstehen kann. Gegen 20.00 h war dann alles bereit zum allabendlichen Festessen. Genuss pur. Die Waage zu Hause war Gott sei Dank weit weg. Dass diese Reise so statt finden konnte, dass alles perfekt und liebevoll vorbereitet war, dass immer eine freundschaftliche, ja mediterrane Stimmung herrschte, dafür danke ich, danken wir Andrea Kroll und Anita White. „Pasta macht glücklich“, so habe ich angefangen, und so will ich auch aufhören. Diesmal hat es aber nichts mit dem Essen zu tun, sondern mit Sara, die mich von unseren Kochmeistern besonders beeindruckt hat. Sie ist klein, flink und hat die Augen überall. Mit ihren 70 Jahren macht sie noch tagtäglich Pastateig. Bei ihr habe ich mich dann doch getraut mitzumachen. Kraftanstrengung, Mehl „unterschieben“, Augenkontakt, ist der Teig immer noch nicht dünn genug, ein strenges No, wieso ist er an der einen Seite zu dick und hat in der Mitte ein Loch, endlich ein Kopfnicken, Lächeln und ein Bene. Ich hätte nie gedacht, dass dies auch glücklich machen kann.

Anne Even