Pistoia

 

Pistoia

Die römische Gründung „Pistoria“ war vermutlich einst der Vorposten, der Süditalien mit dem Norden bis zum Apennin verband. Über die Via Cassia (von den Römern gebaut – Rom à Arezzo à Florenz à Bologna), über die auch wir heute noch anreisen, rollten schon endlose Warentransporte, als um 200 vor Chr. die Stadt entstand.
 


Pistoia um 1890 - Palazzo del Comune, Dom und Campanile

Unter den Franken und Langobarden war Pistoia ein wichtiges Handelszentrum und erhielt im Jahre 1115 immerhin den Status einer „freien Stadt“. In dieser Zeit sollen pistoiaische Bankiers französischen Königen und Fürsten Kredite gewährt haben!
Wie aber häufig in der damaligen Zeit waren es Familienfehden, die der Stadt die Kraft nahmen. Man kann es kaum glauben - begonnen haben soll es mit einem Streit zwischen Schwiegermutter und Schwiegertochter, vornehmen (?) und einflußreichen Ursprungs natürlich! Die zwei Furien müssen so getobt haben, dass jede Familie alle Geschützte aufbot, die zur Verfügung standen, und schon war der Krieg da zwischen Guelfen und Ghibellinen, zwischen „Weißen“ (nach dem Familiennamen „Bianchi“) und den Gegnern, die sich „Schwarze“ nannten. Nachdem man sich selbst untereinander geschwächt hatte, war es für Florenz und Lucca ein Leichtes, sich Pistoia untertan zu machen. Die Stadtmauer mit 60 Wachttürmen aus dem 12. Jh. wurde niedergerissen. Da zum Glück die Wirtschaft nicht allzu große Einbußen erlitt, konnte im 14. Jh. wieder ein - erweiterter - Mauerring errichtet werden (die Stadt war gewachsen), eine große Bedeutung hat Pistoia aber nie wieder erlangt, sondern blieb bis zum heutigen Tag im Schatten der nicht weit entfernten Städte Florenz und Lucca.
Im 19. Jh. halfen die Entwicklungen in der Industrie zum Ausbau der Metall verarbeitenden Betriebe; Pistoia war schon im 16. Jh. bekannt für seine Waffenproduktion. Die „Pistole“ wurde hier erfunden und hergestellt!
Außerdem lebt die Stadt heute zum großen Teil von den endlosen Baumschulen, dem größten Areal dieser Art in Europa.
Und für den Touristen ist es eine Wohltat, eine Stadt mit so vielen Schönheiten ganz ohne Hektik ansehen zu können!

Geschichtliches und kunstgeschichtliches Zentrum der Stadt ist die Piazza del Duomo; Geschäfte oder Cafés sucht man hier allerdings vergeblich!
Der Dom San Zeno (12. – 13. Jh.) wurde im pisanischen Stil erbaut; der Porticus aus Marmor kam im 14. Jh. dazu. Gleich daneben steht der mächtige Glockenturm, gebaut als Wachtturm.

Im Inneren des Domes ist neben dem vielfältigen Kapitellschmuck, einem gemalten Kruzifix von 1275 und mehreren Grabmalen der berühmte Silberaltar von San Jacopo zu bewundern. Mehrere Generationen von Gold- und Silberschmieden haben an ihm gearbeitet (von 1287 bis 1456) und über 600 Figuren aus Silber und Gold getrieben; selbst Brunelleschi hat einige davon geschaffen.

Das achteckige Baptisterium San Giovanni wurde 1338 – 59 nach Plänen von Andrea Pisano errichtet und erinnert mit seiner gestreiften Marmorverkleidung an das Florentiner Baptisterium.

Der Palazzo del Podestà von 1367 ist heute Justizgebäude. 1844 wurde der Palazzo erweitert. Interessant ist im Hof eine 1507 erneuerte steinerne Gerichtsbank (unter dem Portucus mit freskierten Gewölben), auf der zu lesen ist: Hic locus odit, amat, punit, conservat, honorat: Nequitiam, leges, crimina, iura, porbos“ („Dieser Ort haßt Verruchtheit, liebt Gesetze, bestraft Verbrechen, bewahrt die Rechte, ehrt die Rechtschaffenen“)

Der massige Palazzo Comunale (1339 – 1385) mit Medici-Wappen beherbergt das Museo Civico (Gemälde, Keramiken, Münzen). Einige der Innenräume weisen Fresken des 15. und 16. Jh. auf.

Das Ospedale del Ceppo (hohler Baumstumpf – benutzt als Sammelbüchse für Almosen)
wurde im 13. Jh. gegründet und ist noch heute in Betrieb. Besonders schön: Der Terrakottafries von Giovanni della Robbia und einem seiner Mitarbeiter (1525). Dargestellt sind die „sieben Werke der Barmherzigkeit“: Einkleiden der Armen, Beherbergen der Pilger, Kranken- und Gefangenen-Besuche, Erteilung der Sterbesakramente, Toten-Bestattung, Speisung der Hungernden und Labung der Durstenden.
 

 


Die Kirche Sant’Andrea sollte man keinesfalls versäumen: Im 9. Jh. mit dem Bau begonnen, wurde die im 12. Jh. erweitert. Zwar ist die Fassade unvollendet geblieben, ist aber nach Pisaner Vorbild mit Blendarkaden und Rhomben geschmückt, und im Türsturz des Hauptportals sieht man den Zug der Heiligen Drei Könige, eine Anbetung des Kindes sowie die Muttergottes.
Das Schmuckstück im Inneren ist eine Kanzel von Giovanni Pisano (1298 – 1301), entstanden als dritte der Pisano-Kanzeln (nach Pisaner Baptisterium von Vater Nicola) und Sieneser Dom; Vater und Sohn gemeinsam). Die Kunstwelt bescheinigt Giovanni Pisano, dass kein zweiter Künstler des Mittelalters es so wie er schaffte, den Gestalten Gefühl und erkennbare zwischenmenschliche Beziehungen „einzuhauchen“.
Der Kanzelkasten zeigt Szenen aus dem Neuen Testament und wird getragen von Propheten und Sibyllen (s. Fußnote *).
Von Giovanni Pisano ist ferner das Holzkruzifix rechts nach dem ersten Altar und möglicherweise auch das Taufbecken im linken Seitenschiff.

Die einstige, aus Sandstein gebaute Kirche Sant’Antonio del Tau („Tau“ = griechisches „T“, das die hier einst lebenden Ordensbrüder, die sich kranken Pilgern widmeten, auf ihren Mänteln trugen.
Im einschiffigen Inneren sind umfangreiche – sehr schöne - Freskenzyklen von Ende des 14. Jh. erhalten.

Für Liebhaber der Romanik seien noch empfohlen:

San Bartolomeo in Pantano (= Sumpf)
Der Bau geht zurück auf eine Gründung von 761. Im Laufe der Jahrhunderte wurde zerstört, wieder aufgebaut, verändert, und zuletzt zurückverändert. 1960 - 68 legte man alle alten Teile frei und nun haben wir hier eine typisch klassische Basilica mit 3 Schiffen, sehr hoch, sehr eng, in 9 Joche gegliedert, mit schönen Kapitellen. Im Mittelschiff steht die Kanzel von Guido da Como für diesen Platz 1250 geschaffen. Sie gilt als einer der Höhepunkte toscanisch-romanischer Bildhauerkunst vor Nicola Pisano.
Außen im Architrav am Mittelportal ein beachtenswertes Hochrelief „Christus erscheint dem heiligen Thomas“. (s. unten)

Ursprünglich außerhalb der Stadt lag die Kirche San Giovanni Fuorcivitas (fuori = vor, außerhalb; civitas = Ansiedlung). Die Seitenfassade mit regelmäßiger grün-weißer Marmorstreifung ist beherrschend. Über dem Seitenportal im Türsturz ein Relief mit stilisiertem „Abendmahl“ des Bildhauers Gruamonte von 1162.
Innen: Sechseckiges Weihwasserbecken, ein Jugendwerk Giovanni Pisano’s: An den Schäften die christlichen Tugenden und am Becken die 4 Kardinaltugenden.
Rechte Seite: Kanzel von Fra’Guglielmo da Pisa, 1270, Schüler von Nicola Pisano.
Links vom Hauptaltar: Polyptychon von Taddeo Gaddi (1353 – 55)
Linke Schiffswand: „Heimsuchung“, Marmorgruppe von Andrea della Robbia.


Wer gerne Märkte besucht, hat sicherlich Freude am Wochenmarkt (mittwochs und samstags) auf dem Domplatz.
Gemüse kann man täglich einkaufen rund um das Marktviertel an der Piazza dell’Ortaggio (Gemüse) mit den Nebengässchen Vicolo del Cacio (Käse), Sorucciolo dei Cipolloni (Zwiebeln) usw.
Lederwaren und Schuhe gibt es mittwochs und samstags an der Piazza dello Spirito Santo und Antiquitäten werden an jedem 2. Wochenende im Monat auf dem Gelände an der Via Pacinotti verkauft.
Wegen schmiedeeiserner Kunstwerke schaue man in die Werkstatt Bartoletti rein in der Via Sestini 110, wo man den Handwerkern werktags bei der Arbeit zuschauen kann. Ein Geschäft befindet sich in der Via G. Marconi 8, Pontenuovo-Pistoia.

* Zu der Kanzel schreibt Giorgio Vasari in seinen „Lebensläufen der berühmtesten Maler, Bildhauer und Architekten“: „... Und weil er .. mit Recht glaubte, er habe etwas Großes und Schönes ausgeführt, ... brachte er auf dem Architrav der Kanzel... folgende Inschrift an:
„Hoc opus sculpsit Joannes, qui res non egit inanes Nicoli natus (sensia) meliora beatus, quem genuit Pisa, doctum super omnia visa“ 1301
„Dieses Werk schuf in Stein Johannes, der keine Nichtigkeiten trieb, der Sohn des Nicola, glücklich in einer besseren Wissenschaft; ihn zeugte Pisa, gelehrt über das Maß alles Gesehenen.“