Maremma

 

Die Maremma und ihre Butteri

Das Wort „maremma" hat für die meisten Toscana-Fans einen besonderen Klang - man denkt an Wildnis, an Einsamkeit, an etwas Besonderes. Der Naturpark Maremma ist in der Tat faszinierend und ein wahres Paradies für Naturfreunde.

Guido Piovene schreibt 1960 in seinem Buch
Viaggio in Italia:

„Nicht nur die Alten, sondern auch die Jüngeren erinnern sich noch an die Maremma der Sümpfe, der freilebenden Herden, der Butteri, der Malaria und der Banditen - an die Maremma, die von der Urbarmachung bestürmt, aber niemals überwältigt wurde. Wer sie noch erlebte, vor dreißig Jahren, der vermied es tunlichst, diese Gegend zu durchqueren, selbst auf Kosten eines Umwegs; aber es gab auch romatische Wanderer, angezogen von der Mischung aus antiker Zivilisation und wildem Leben. Da flogen plötzlich die Vögel der Sümpfe auf, selbst von großen Straßen, tiefrot färbte sich das Moor bei Sonnenuntergang. Schwarz und platt im Gegenlicht - wie ein chinesisches Schattenspiel - hoben sich einsame Bäume gegen den Himmel ab; das Pferd mit dem Buttero machte plötzlich einen Satz, streifte den Wanderer auf seinem Weg und verschwand im Nu, als wäre es nicht von dieser Welt. Seit Urzeiten irren hier rastlos die Geister der Banditen, die in der Weite der Maremma Unterschlupf gefunden hatten, umher.

Aus diesem Bild wilder Erinnerungen stach der Schäferhund der Maremma hervor: Groß, langes Fell, seidig und schneeweiß, einem Eisbären ähnlich.

Die urwüchsige Maremma war - wie auch immer - Teil einer menschlichen Zivilisation, einer Mittelmeermythologie..."

Dieser besondere Teil der Toscana erstreckt sich vom Fluß Ombrone über die „Colline Metallifere", den erzhaltigen Hügeln, bezieht Grosseto mit ein, den Naturpark Uccellina mit der höchsten Erhebung Poggio Lecci mit 417 m, und die von Entwässerungskanälen durchzogene fruchtbare Ebene bis zum Gebiet des Monte Amiata (höchster Berg der Toscana; 1738 m). Farbenprächtige Wiesen wechseln sich ab mit dichtem Buschwerk der Macchia. Einsame Strände, unberührte Felsenküsten, Ruinen antiker Aussichtstürme - natur pur! Flora und Fauna sind in perfektem Gleichgewicht, so daß man viele Zugvögel beobachten kann, die hier Unterschlupf finden, seltenen Vogelarten begegnet und - wenn man Glück hat - Wildkatzen oder Rudeln von freilebenden wilden Pferden. Wildschweine gibt es reichlich, und außerdem ist dies die Heimat der berühmten freilebenden toscanischen Rinder mit den geschwungenen Hörnern.

„Maremma" ist eine Nebenform von „Marittima" (Küstengebiet), das in vorgeschichtlicher Zeit ein Lagunensee war. Die Etrusker, die hier die Städte Roselle und Vetulonia errichteten und die Erze der dicht bewaldeten „Colline Metallifere" abbauten, haben die Sümpfe der Maremmen zum ersten Male entwässert. In römischer Zeit wurde das fruchtbare Land Veteranen zugeteilt, die es durch Sklaven bebauen ließen. Doch schon in der Antike begann der Verfall der Entwässerungsanlagen. Das Land versumpfte erneut und die Malaria (mal aria = schlechte Luft) breitete sich aus. Die Bewohner flohen in

  das Bergland, aber auch da gab es keinen absoluten Schutz vor der Malaria und am Ende des Mittelalters waren die Einwohnerzahlen rapide auf wenige Hundert gesunken. Noch vor hundert Jahren erstreckten sich die Sümpfe der Maremma über 65.000 ha.

Ein bis heute noch gesungenes Lied kündet von der damaligen harten Zeit:
Tutti la chiaman maremma, maremma,
tutti la chiaman maremma amara.
L’ucello che ci va perde la penna.
In c’ò perduto una persona cara
E tremo ogni volta che ci vai
Perché ho pauro che non torni mai.

Alle nennen sie Maremma, Maremma,
Alle nennen sie bittere Maremma
Der Vogel, der dort hinfliegt, verliert sein Gefieder.
Ich habe dort einen teuren Menschen verloren
Und zittere jedesmal, wenn du dort hingehst,
Denn ich habe Angst, daß du nie mehr zurückkehrst.


Erst im letzten Jahrhundert wurden die Entwässerungsarbeiten in großem Umfang wieder aufgenommen, und das mit großem Erfolg. Das trockengelegte Land, das einst Großgrundbesitzern gehörte, wurde parzelliert und ging in den Besitz der Bauern über. Seit der Nachkriegszeit ist das Land von der Malaria frei und aus dem Sumpfgebiet ist eine fruchtbare Ebene geworden, in der Getreide, Obst und Gemüse gedeihen.


Die Butteri, die sogenannten Maremma-Cowboys, hatten einstmals harte Arbeit zu verrichten. Die halbwilden Pferde mußten zugeritten werden, um mit ihnen dann die großen Herden der Rinder zusammentreiben zu können, die frei durch die dichte Macchia streifen durften und dürfen. Selbstverständlich gehörte das Betreuen der Herden dazu, keines sollte verloren gehen, keines sollte bei Krankheit unbetreut sein. Kam die Zeit des Fohlens und des Kalbens, gingen Tag und Nacht nahtlos ineinander über. Das Brandmarken der jungen Rinder war ein besonderes Ereignis, mußten doch alle Tiere auf einen Platz zusammengetrieben, aussortiert und „gestempelt" werden.

Heute ist die Zahl der Butteri wesentlich kleiner geworden, auch ist ihr Leben nicht mehr ganz so anstrengend, denn die freilaufenden Herden sind kleiner und die wilden Pferde sind seltener geworden. Hüter der Rinderherden sind sie aber nach wie vor.

Dazugekommen ist der Auftrag, den Naturpark zu bewachen und zu bewahren. Daß sie großartige Reiter sind, sich hier auskennen müssen wie in ihrer „Westentasche", ist unbestritten und daß sie ein Leben in größter Freiheit führen, ebenso.

Eine Geschichte erzählt, daß der legendäre Cowboy Buffalo Bill 1890 mit seiner Truppe durch Europa reiste und auch nach Rom kam. Dort wurde dann ein Wettstreit ausgetragen, bei dem die toscanischen Butteri die Pferde der Cowboys reiten mußten und umgekehrt. Wer damals gewonnen hat, weiß keiner mehr so genau. Die Butteri behaupten natürlich, sie seien es gewesen. Die Cowboys auch!
Um die alte Tradition der Butteri am Leben zu erhalten, gibt es öffentliche Vorführungen z. B. aus Anlaß der Brandmarkung mit Reiterspielen und Beköstigung.
Hübsche kleine Maremma-Ferienorte sind Talamone und
Magliano in Toscana.
Wer im Naturpark wandern möchte, muß zum Centro Visite di Alberese, wo es alle erdenklichen Informationen über Länge, Schwierigkeitsgrad und Attraktionen gibt
(Tel.: 0564 / 407098).