Campiglia Marittima

 

Campiglia Marittima
 

Ein geschlossenes mittelalterliches Bild erwartet uns in dieser kleinen Stadt.

Eine Siedlung muß es hier schon zur Zeit der Etrusker gegeben haben, die an diesem Ort ihre Schmieden errichtet haben: Die Reste einiger Schmelzöfen zeugen heute noch von dieser Zeit und sind möglicherweise die einzigen auf der Welt, in denen die Etrusker Kupfer- und Bleierz schmolzen.

Von der Familie Gherardesca wurde eine Festung errichtet, deren Anfänge ins 8./9. Jh. zurückreichen und die im 12./13. Jh. erweitert und erneuert wurde. Die Ruine verleiht dem Ort malerischen Reiz, ebenso die noch erhaltenen Teile der mittelalterlichen Stadtbefestigung, so z. B. die wappengeschmückte Porta Fiorentina und San Antonio. An der Via Cavour sieht man charaktristische mittelalterliche Häuser, darunter den Palazzo Pretorio mit den Wappen der Podestà (Stadtvögte) des 15. und 16. Jhd.

Campiglia Marittima war wegen seiner strategischen Lage der Sitz einer der wichtigsten Kapitänsämter der mächtigen Republiken Pisa und Florenz, unter deren Herrschaft die Stadt stand.

Interessant ist die einschiffige romanische Pieve di S. Giovanni mitten im Friedhof auf einem Sockel von Grabplatten. Ihr Baumeister war laut Inschrift über dem Seiteneingang Maestro Matteo aus Pisa (1173 - 77). Besonders hervorzuheben ist das Relief des Architravs am Seitenportal mit einer Darstellung „Meliagros und die Jagd auf das kaledonische Wildschein" von Ende des 12. Jhs.
(Wer Lust hat, sollte die Legende dazu lesen)

Ungewöhnlich reich im Vergleich zur sonstigen Schlichtheit der Kirche sind die Dekorationen in der Lünette: Ein Adler, der ein Zicklein in seinen Fängen hält, flankiert von Löwen, von denen einer ebenfalls ein Beutetier zwischen den Pranken hat.
Hübsch auch die Marmordekorationen der Archivolte über dem Hauptportal.

Meleagros und die kalydonische Eberjagd

Meleagros (Sohn des Königs Oineus von Kalydon und der Althaia) war einer der Argonauten. Sie erinnern sich vielleicht noch mehr oder weniger dunkel: Die Argonauten waren Heroen göttlicher Abstammung, die an der Fahrt nach Kolchis teilnahmen, um das Goldene Vlies wieder nach Griechenland zurückzubringen.
Orpheus kam als einer der ersten, dem sich dann u.a. auch Meleagros zugesellte.

Schon als Neugeborener war Meleagros etwas Besonderes: An seine Wiege bemühten sich die Parzen, die Schicksalsgöttinnen. Die eine sagte ihm Heldenhaftigkeit voraus, die andere Großmut und die Dritte, Atropos mit Namen, die den Lebensfaden abschneidet, gab seiner Mutter symbolisch sein Leben in die Hand. Sie zeigte auf ein gerade angekohltes Scheit im Herd und versprach, Meleagros werde leben, solange dieses Scheit nicht abgebrannt sei. Die Mutter riß es mit bloßen Händen aus dem Feuer, löschte die Flamme im Wasser und versteckte das Scheit an einem sicheren Ort.

Derweil wuchs Meleagros zu einem tüchtigen jungen Mann heran. Als er 22 Jahre alt war, unterlief seinem Vater ein grober Fehler. Nach einer reichen Ernte dankte dieser den Göttern, vergaß aber Artemis, die Göttin der Jagd. Die nahm die Sache ziemlich krumm und schickte ein riesiges Wildschwein ins Land, das im darauf folgenden Jahr den Großteil der Ernte vernichtete. Es zogen viele Männer aus, das Tier zu erlegen, aber es gelang keinem; die meisten bezahlten mit ihrem eigenen Leben.

Als Meleagros von der Mission „Goldenes Vlies" zurückgekommen war, rief er seine Kampfgefährten auf zur Wildschweinjagd. Außerdem nahm an der Jagd auch Atalante teil, zu der Meleagros in Liebe entbrannt war. Der Kampf dauerte lang, Atalante verwundete als erste das wilde Tier und endlich brachte Meleagros’ Speer den Eber zur Strecke. Die Trophäen (Fell und Kopf des erlegten Tieres) gehören demjenigen, der den tödlichen Wurf abgibt, also Meleagros. Der aber verzichtete und gab das Fell weiter an seine geliebte Atalanta, denn sie habe ja auch als erste den Eber verletzt. Dies gefiel den Brüdern der Althaia (Meleagros’ Mutter) überhaupt nicht, es kam zum offenen Streit und hierbei tötete Meleagros die 2 Männer und wurde selbst schwer verletzt.

Dies wiederum war zu viel für Althaia: Sie wurde im Tempel am Opferaltar tot aufgefunden; sie hatte sich selbst gerichtet, nachdem sie das Holzscheit, das ihrem Sohn das Leben erhielt, ins Feuer geworfen hatte.
Meleagros erlag seinen Verletzungen.
 


Für diejenigen, die über Architektur-Begriffe nachlesen möchten:

Architrav: Waagerechter, den Oberbau tragender (Stein-)Balken über Pfeilern, Säulen und Pilastern (= flacher Wandpfeiler, der nur wenig aus der Wand hervortritt)

Archivolte: Plastische Einfassung bzw. Rahmenleiste eines Rundbogens

Lünette: Halbkreisförmiges Feld über Türen und Fenstern, häufig mit Malerei oder Relief
verziert