Die Etrusker

  

Die  Etrusker


Das antike Italien zur Zeit der größten etruskischen Ausdehnung, Ende 6. Jh. vor Chr.

Sind sie nun wirklich ein „geheimnisvolles, mysteriöses“ Volk oder nicht, die Etrusker? Wohl eher nicht! Viele wesentliche Dinge über dieses Volk und ihre Kultur sind inzwischen entschlüsselt.
Schon in den vergangenen Jahrhunderten forschte man immer wieder im großen Stil. Einer der ersten Forscher mit riesigem Engagement war Kaiser Claudius, der ca. 50 nach Chr. die Geschichte der Etrusker in 20 Büchern beschrieb, von denen leider nichts mehr erhalten ist; lediglich einige Zitate finden sich in den Werken Anderer.
Lateinisch nannten sie sich „Tusci“ und gaben diesen Namen dem Landstrich zwischen Thyrrenischem Meer und dem nördlichen Apenin – der heutigen Toscana.
Das antike Etrurien (vom griechischen Wort für die Etrusker, nämlich „tyrrhenoi“- nach dem gleichnamigen Meer) war allerdings viel größer als die Toscana (s. Karte).
Wie es scheint, hat die ursprüngliche Heimat im Westen von Kleinasien (heutige Türkei) gelegen, ungefähr im Gebiet von Troja. Seit dem 8. Jahrhundert vor Chr. lässt sich die Anwesenheit der Etrusker in Italien belegen. Vielleicht hatte sie die Kunde von den reichlich vorhandenen Kupfer- und Eisenerzvorkommen erreicht; dieses Handwerk beherrschten sie perfekt.
Sie siedelten auf den Kuppen der Hügel bzw. auf den Tuffstein-Hochebenen und legten dort ihre großen Städte an. Fruchtbare Flusstäler nutzten sie für die Landwirtschaft und zeigten sich bei der Entwässerung von Sümpfen als große Meister (Malaria gab es damals noch nicht; die begann erst einige Jahrhunderte nach Chr.).
Die etwas unwirtlichen Küsten mieden die Etrusker mit Ausnahme von Populonia. Dort ist wegen des Eisenvorkommens auf der nahe gelegenen Insel Elba die einzige große etruskische Siedlung direkt am Meer errichtet worden.
Dank ihres enormen technischen Könnens, ihrer perfekten handwerklichen Kunst, der reichen Erzvorkommen und der fruchtbaren Ebenen brachten sie es zu großem Reichtum und Ansehen und trieben regen Handel mit den Nachbarländern. Etwa um 500 vor Chr. übten die Etrusker in Rom und Latium die Herrschaft aus; sie waren sowohl zur See als auch zu Lande mächtig.

Sind heute die Wohnanlagen der Etrusker meist nur als Grundrisse erkennbar, hat man doch eine gute Vorstellung von ihrem Leben durch die ausgedehnten Nekropolen. Der Totenkult war äußerst wichtig, das belegen die Grabhäuser, aus großen Steinblöcken gebaute Kuppelgräber und großzügige Tumuli (Grabhügel )mit langen Gängen und mehreren Grabkammern. Die Asche-Urnen trugen Skulpturen aus gebrannter Tonerde (Terra-cotta!) und stellten in der Frühzeit die Verstorbenen idealisiert nach einer Gottheit dar, später schonungslos realistisch, wobei die Köpfe fast immer betonter dargestellt sind als der Körper.

Die Gemälde an den Wänden und die Grabbeigaben verraten, dass die Etrusker auch das Diesseits geliebt und genossen haben. Große Gelage in großem Luxus sind dargestellt mit tanzenden und musizierenden Knaben und Mädchen in jugendlicher Anmut.


Tarquinia: Tomba dei Leopardi
Tanzszene mit Doppelflötenspieler, 475 - 450 vor Chr.

Die kostbarsten Dinge wurden den Toten mit ins Grab gegeben, damit ihnen zum Fortleben im Jenseits nichts fehlte, angefangen bei Getreide, Öl und Wein, kostbarsten Vasen, Gerätschaften bis hin zu ganzen Wagen und unermesslichen Werten an Goldschmuck.


Drachenfibel, 7. Jh. vor Chr.

Wunderschön sind die virtuosen Goldarbeiten mit „Granulation“: Feinste Goldkörnchen sind zu unterschiedlichsten Motiven einzeln auf die Goldobjekte geschweißt – manchmal über 100.000 Granulate pro Schmuckstück!!
Lebensgroße farbige Statuen und Reliefs von Göttern, aus Ton gebrannt, schmückten die Giebeldreiecke der Tempel.
Friese mit Fabelwesen, kämpfenden Kriegern und tanzenden und musizierenden Nymphen und Silenen zierten die Wände. Bunt bemalt und mit Terracotta-Platten geschmückt waren häufig auch bedeutende Häuser. Grelle Farben verstärken den ekstatischen Eindruck mancher Darstellung.


Antefix (Stirnziegel am Dachrand),
Tempel von Veji, um 500 vor Chr.

 



Unbestritten ist, daß die Etrusker auch noch viele Jahrhunderte später die europäische Kultur beeinflußt haben. So zeigen die Fassaden berühmter Gebäude der Renaissance Form-Motive, die sich aus der etruskischen Architektur herleiten, z. B. bei den Uffizien in Florenz.

Die Regierung der Etrusker bestand aus 12 Stadtstaaten (12 war eine heilige Zahl) mit einem
Priesterkönig („Lauchme“ etruskisch, „Lucumo“ römisch) an der Spitze. Adelsgeschlechter bildeten die führende Schicht, aus der Krieger und Priester stammten. Das Königtum war ursprünglich erblich. Als später die Adelsgeschlechter immer mächtiger wurden, wählte man den König jährlich aus den Adelsgeschlechtern, was zu einer erheblichen Schwächung seiner Stellung führte. In den späteren kriegerischen Auseinandersetzungen mit Rom sollte sich das sehr negativ auswirken.

Die Insignien des Königs waren Golddiadem, Szepter, Purpurmantel und Thron - alles Kennzeichen der Königswürde, die das gesamte Abendland übernahm!

Das Symbol für Macht über Leben und Tod war ein Rutenbündel (die „fasces“), in dem eine Doppelaxt steckte.
Später in Rom wird aus den „fasces“ das Liktorenbündel, Zeichen politischer Macht. Mussolini übernahm es als Symbol für seine „Schwarzhemden“ und begründete damit den Namen „Faschisten“.

 


Rutenbündel mit Doppelaxt
Eisen, 7. Jh.vor Chr., Vetulonia

Die Stadtstaaten bildeten Konzentrationspunkte, waren aber von einander unabhängig und bildeten niemals einen zentral regierten Staat.

Sehr bemerkenswert ist die Tatsache, daß in der etruskischen Aristokratie (entgegen der römischen und vieler anderer) den Frauen Gleichberechtigung gewährt wurde. Sie nahmen teil an Konzerten, Bällen, sportlichen Spielen und Rennen und konnten sich sogar in der Politik betätigen.
Eine einmal geschlossene Ehe galt für immer. Die Kinder bekamen den Namen der Mutter zusammen mit dem des Vaters.

Beherrscht wurde das etruskische Volk von der Religion wie kaum ein anderes. Nichts wurde dem Zufall überlassen, das Leben stand in ständiger Beziehung zur Religion. Viele Bücher gab es zu diesem Themenkreis, aber auch zur Lehre des Haruspizium (ein Weissagungs-Ritus aus den Eingeweiden von Opfertieren, speziell aus der Leber - die war der Sitz der Seele), zur Deutung des Vogelflugs und der Blitze, ebenso Erklärungen zu Fragen des öffentlichen Lebens. Leider ist kein einziges Buch mehr erhalten.
 
Möglicherweise sorgten die Römer nach der Einnahme Etruriens für eine radikale Vernichtung aller Hinterlassenschaften, die sie an die Überlegenheit der Etrusker auf dem Gebiet der Kunst hätten erinnern können.


Bucchero-Gefäß (schwarze, glänzende, typisch etruskische Keramik, 650 - 600 vor Chr.)

Bei dem Alphabet der Etrusker handelt es sich um ein nur geringfügig abgewandeltes griechisches Alphabet. Gelesen wird von rechts nach links und manche Wörter sind sogar für uns zu verstehen, so z.B. „vinum“ für Wein und „leu“ für Löwe (gefährlich ist’s, den Leu zu wecken ….!). Auch die Wörter „Person“ oder „mondän“ sind mit großer Wahrscheinlichkeit etruskischen Ursprungs.
„Ati“ ist die Mutter, „apa“ der Vater, „cel“ die Erde und „ati cel“ ist Mutter Erde.


Stele von Lemnos, ca. 6. Jh. vor Chr.
Krieger mit Speer und Inschriften

Was den Wissenschaftler das Erkennen der etruskischen Sprache sehr erschwert hat, ist die Tatsache, daß es ja nur noch Texte von Inschriften auf Gefäßen, Steinen und Grabwänden zu lesen gibt, und die sind vom Inhalt her nicht sonderlich variabel, also gibt es auch keine große Wort-Auswahl.
Bedeutsam war 1885 der Fund der „Stele von Lemnos“ (nordägäische Insel).

Inzwischen sind alle vorhandenen Texte problemlos zu lesen und zum großen Teil auch zu verstehen. Sogar die Phonetik, die Lautsprache, ist erkannt.

Das Ende der Etrusker wurde bestimmt durch permanente Kriege und die Verteidigung gegen die vordringenden Römer. Die politische Macht der Etrusker wurde nach und nach geschwächt und der Sieg Roms über das reiche und große Veji (396 vor Chr. – nach 10jähriger Belagerung) war der Anfang des Untergangs der etruskischen Herrschaft. Eine Stadt nach der anderen mußte den Römern übergeben werden, bis das gesamte Etrurien ca. 90 vor Chr. dem römischen Italien einverleibt wurde. Mit den Etruskern verschwanden ihre Sprache, ihre Schrift und wenig später auch der Großteil ihrer Kunst.

Eins der wenigen Überbleibsel der Etrusker sollen einige ihrer Essensgewohnheiten sein, wie sie heute noch in der Toscana praktiziert werden, z. B. die Gepflogenheit, gedünstetes Gemüse mit kaltgepreßtem Olivenöl anzureichern, Rind- und Lammfleisch am Spieß oder auf dem Rost zu braten, das gefüllte Spanferkel (Porchetta) und die Vorliebe für Innereien.

Die etruskischen Männer sind übrigens ca. 41 Jahre alt geworden, die Frauen etwas mehr als 40 Jahre - beachtlich hoch. Im 18. Jh. lag der Durchschnitt bei 45 Jahren!
 

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